Ethnographie

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Farah Brandt & Jochen Lange:

Ethnographie. Stationen und Fragen praxeologischer Forschung

1. Einleitung

2. Entdeckendes Erforschen: Zur Traditionsgeschichte der Ethnographie

3. Prinzipien und Prämissen der Ethnographie des Alltäglichen
3.1 Präsenz im Alltag des Feldes – Beobachten

3.2 Erlebte Praktiken erlesbar machen – Beschreiben

3.3 Verstandenes um-verstehen – Befremden

4. Stationen des ethnographischen Forschungsprozesses

4.1 Vom Feldzugang zum Forschungsfokus

4.2 Von Feldnotizen zu dichten Beschreibungen

4.3 Von scheinbar Vertrautem zur Entdeckung

5. Beispiel: Drannehmen 2.0 – Bedeutungsverschiebungen einer schulischen Technik?

6. Methodische Reflexion

Literatur

 

1. Einleitung

Die Ethnographie gilt als „die klassische [Strategie] zur Erforschung der Sozialwelt“ (Thomas 2019, S. 1, Herv. i. Orig.) und ist als solche u.a. in der Schul- und Unterrichtforschung zentral. Studien z. B. zur Leistungsbewertung (u.a. Kalthoff 2000; Zaborowski/Meier/Breidenstein 2011; Rabenstein 2017), Geschlechterdarstellung im schulischen Spiel (Kelle 1999), der Situiertheit von Lernprozessen (Wiesemann 2000), der Verteilung des Rederechts (Budde 2011), zur Wochenplanarbeit (Huf 2008) oder der Materialität des Unterrichts (Röhl 2013; Lange 2017) zeigen die Erkenntnispotenziale ethnographischer Forschung für die Bildungswissenschaften. Das den Studien zugrundliegende empirische Material ist vielseitig und mit verschiedenen Erhebungs- und Analysetechniken verbunden. Es deutet sich hier bereits an, dass sich die Ethnografie nicht als Methode – im Sinne eines standardisierten Verfahrens – bestimmen lässt, welche Forscher:innen strikt befolgen können oder müssen (vgl. Breidenstein et al. 2020, S. 11). Doch was ist die Ethnografie und wie lässt sie sich als Forschungsstrategie nutzen? Der folgende Beitrag widmet sich dieser Frage. Ziel ist es, die Ethnographie als Erkenntnisweg verstehbar zu machen. Adressiert wird also eine Leserschaft, der die Ethnographie tendenziell fremd oder nur in ihren Grundzügen bekannt ist. Die einzelnen Abschnitte des Textes beabsichtigen sich dem Ethnographie-Verstehen mit zirkulierenden Schritten anzunähern. Dabei werden – wie bei einer Feldforschung – bestimmte Aspekte wiederkehrend auftauchen respektive aufgesucht. Sie werden nach einer ersten flüchtigen Begegnung vertieft, neu fokussiert, detaillierter erkennbar, in unterschiedlichen Facetten mit Beispielen exemplifiziert sowie diskutiert. Möglicherweise werden durch die unterschiedlichen Zoomstufen der folgenden Abschnitte auch Aspekte, die man schon verstanden zu haben glaubt, neu befrag- und verstehbar. Thematisiert werden zunächst (Kap. 2) die Linien der Entstehungsgeschichte ethnographischer Forschung, bevor der Beitrag hieran anschließend (Kap. 3) zentrale Prinzipien und Prämissen von heutigen, sozialwissenschaftlichen Ethnographien aufspannt. Mit diesen methodologischen Grundzügen werden verbundene Fragestellungen, Erkenntnispotenziale und Ziele ethnographischer Forschung erkennbar. Nachdem in einem solchen Sinne eine Annäherung an die Frage vollzogen wurde, wie sich ethnographische Forschung charakterisieren lässt, erfolgt mit dem nächsten Schritt (Kap. 4) eine konkretisierende Zuspitzung: Ausgehend von den methodologischen Ausführungen der vorangegangenen Abschnitte steht hier die forschungspraktische Frage im Zentrum, wie man eine ethnographische Forschung (insbesondere im Kontext von Schule) betreiben kann. Der Beitrag geht hierbei auf Herausforderungen und Fragen ein, bevor (Kap. 5) eigenes Datenmaterial und zugehörige Analysen als Beispiel angeboten werden. Abschließend (Kap. 6) werden Grenzen der Feldforschung diskutiert bzw. Fragestellungen charakterisiert, die nicht ethnographisch zu bearbeiten sind.