Schulform:

Falldarstellung

Vorbemerkungen:

Gemeinschaften können als „dramatische Handlungsfelder“ (Wulf 2001, S. 10) verstanden werden, die ein Interaktionssystem darstellen, das seine Einheit aus – durchaus auch divergierenden – Interaktionen gewinnt. Wenn Gruppen zusammenfinden, die faktisch gemeinsame Erfahrungen machen, entstehen Verflechtungen zwischen Menschen, die auf konjunktiven und kollektiv geteilten Erfahrungen beruhen. Rituale als symbolische Inszenierungen erhalten hierbei oft konstituierenden Charakter. Im Rahmen meiner Fallanalysen zeigte sich, dass Kreisgespräche als solche ritualisierten, generativ und intergenerativ verflochtenen „dramatischen Handlungsfelder“ und auch als „Übergangsräume“ im Sinne Winnicotts (1969) begriffen werden können. Die Kreissituation dient der Klassengemeinschaft, indem sie Differenzen konturiert und bearbeitet, Krisen bewältigt und Übergänge gestaltet.

In zahlreichen transkribierten Szenen und Beobachtungsprotokollen konnte ich zurückverfolgen, dass die beobachteten Kinder ihre Wünsche, Phantasien und Lebenserfahrungen im Kreis nicht bloß rein sprachlich, narrativ ins Spiel bringen, sondern auch leibhaftig und sinnlich-symbolisch. Im Folgenden ein Beispiel aus einem Unterrichtsgespräch über den Aschermittwoch:

Die Lehrerin weist darauf hin, dass heute ein besonderer Tag sei und will wissen welcher. Einige Kinder rufen „Aschermittwoch“. Die Lehrerin fragt nun nach der Besonderheit und Bedeutung dieses Tages. Marion meint „da ist Faschingsende“, Senta ruft „da ist alles vorbei“. Joel droht lachend, dass jeder Mensch, der Fasching gefeiert habe, am Aschermittwoch verbrannt werde. Die Lehrerin erklärt, dass 40 Tage nach Aschermittwoch Ostern sei und die Fastenzeit beginne. Einige Jungen beschuldigen sich gegenseitig, das Sofa kaputtgemacht zu haben. Die Lehrerin erklärt den Brauch des Aschenkreuzes. Lukas, will wissen, ob die Zweige in der Kirche verbrannt werden. Mehrere Kinder lachen. Tatjana erzählt, dass sie und ihre Schwester sich oft mit Ruß aus dem Kamin beschmieren und dies viel Spaß mache, was ebenfalls Belustigung auslöst. Miriam sagt zu den neben ihr sitzenden Mädchen, doch halblaut für alle hörbar, dass es auch schön sei, sich mit Lippenstift zu beschmieren. Die Lehrerin betont noch einmal, dass der Tag Aschermittwoch heiße. Dann nimmt sie das Vorlesebuch

(Klasse G, Protokoll Nr. 6).

Interpretation

Die Szene wirkt – auf den ersten Blick – chaotisch, denn die Kinder interagieren hier auf einer sinnlich-symbolischen Ebene. Der Asche als einem Symbol der Vergänglichkeit wird hier ein fulminantes Gegenszenario entgegengesetzt: Aggression (das Sofa), Leben (Feuer, als lebendiges Element), Bann (Berührung der Asche) und schließlich Lust und Leidenschaft (der Lippenstift). Die Art der Präsentation im Alltag der Kreissituation wird teils zur bewusst spielerischen, teils zur unbewusst inszenierten Selbstdarstellung. Kinder produzieren dabei Selbst- und Weltdeutungen in „gespielten Figuren“. Das symbolisch strukturierte Gebilde der Identität wird sinnlich vorgeführt (vgl. Belgrad/Busch 1998). Die Symbolisierung in der spielerischen Kreissituation verlagert die Erzählung in eine Art „Sinnentheater“, gekoppelt mit Gesprächen der Gleichaltrigen über „alternative Inszenierungen, Regievorschläge und Probeentwürfe“, in indirekten Formen, „pendelnd zwischen spontaner Inszenierung und gebrochener, verfremdeter Selbstdarstellung“ (ebd. S. 143). Die in Szene gesetzten symbolischen Formen ergänzen die szenischen Darstellungen des einzelnen Kindes dabei durch die der Anderen. Identitätsentwürfe werden in einem intersubjektiven Vorgang und durch szenisches Verstehen geschaffen. Die Kinder stellen so der objektiven Wirklichkeit der Kreissituation selbstgeschaffene Bilder gegenüber.

(…)

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